Tee-Affäre – von Alice Grünfelder

Die Begeisterung für Tee ist mir – trotz mannigfacher Anläufe – ein Rätsel. Wenn ich auf Menschen treffe, die Tee feiern, beneide ich sie um diese Faszination, die die Kombination von heißem Wasser und einigen Blättern weckt. Beim diesjährigen Blogwichteln hat Alice Grünfelder mir erneut einen Grund geliefert, Tee weiter zu erkunden 🙂

Noch ein paar Tage bleiben mir in Taiwan, die Theaterwissenschaftlerin Freda Fiala schwärmt von den jahrtausendealten Zedern im Wald im Ali-Shan-Gebirge, im Zentrum der Insel gelegen, meine Freundin Emily will mich sogar dorthin begleiten und organisiert alles – so fallen mir die Dinge in Taiwan zu.

Teebereitung Taiwan von Alice Grünfelder
Teebereitung Taiwan von Alice Grünfelder

Die erste Nacht verbringen wir auf halber Strecke in Shizhuo, dem eigentlichen Teeanbaugebiet, auch wenn oft nur von Ali-Shan-Tee die Rede ist, wenn es um den Tee aus dieser Region geht. Abgeholt werden wir von einem jungen Mann in silberprotzigem BMW, er kurvt die Straßen hoch vorbei an Schildern: Eingewattet eingemullt im feuchten Nebel das ganze Jahr, steht darauf, deshalb sei der Tee hier von ausgesuchtem Geschmack.

Als wir austeigen, stehen wir im feuchten Nebel, im nächsten Augenblick reißt der Himmel auf. Der Empfang der Unterkunft ist wenig mehr als ein Tisch, in der Teeküche daneben steht ein großer, gläserner Teetisch, der von den süß-sauer eingelegten Kirschen ganz klebrig ist, die der alte Teebauer, der Vater also des BMW-Fahrers, uns zum Tee serviert.

Teebereitung Taiwan von Alice Grünfelder
Teebereitung Taiwan von Alice Grünfelder

Und das geht so: Wasser einfüllen und warten und umfüllen von einer Aufbrühkanne in ein Kännchen mit Sieb, von dieser Kanne in die kleinen Teebecher, das Wasser köchelt vor sich hin, kühlt ab, wird wieder eingefüllt, umgefüllt. Der Alte thront vor dem Teegeschirr und hantiert gleichmütig vor sich hin, klopft zwischendurch auf den Wasserhahn, damit das Wasser wieder richtig fließt, gießt das Wasser dieses Mal über das Kännchen, redet über Fahrzeiten und lächelt in sich hinein, die dicken Augenbrauen hochgezogen in einem runzligkantigen Gesicht. Ich ziehe den Geruch des Zhulu-Tees (ein typischer Gaoshan-Tee, der oberhalb von 1000 m.ü.M, in Taiwan angebaut wird) aus einem Riechbecher tief in mich ein und werde von diesem Moment an süchtig nach diesem Duft.

Teefelder Shi von Alice Grünfelder
Teefelder Shi von Alice Grünfelder

„Die Sonne“, so antwortet der alte Teebauer auf Emilys Frage, „geht am nächsten Morgen um zehn nach fünf auf.“ Doch wir kommen zu spät, werfen wir ihm später vor. Er lächelt nur, lächelt nicht mehr, als wir ihm von einer Schlange erzählen, zeigt aber weiter auf die Teetassen, ich sehe auf die Uhr, nur noch zehn Minuten, bis der Bus, sein Finger geht nur zur Tasse, er schenkt Wasser ein, füllt um, bis er sich irgendwann langsam erhebt, uns zu seinem klapprigen Lieferwagen winkt und hinabfährt ins Tal.

Erst seit dem Tag weiß ich diese Art des Teetrinkens zu schätzen, da ich zuvor einfach nur eine Teeabhängige war und jeden Tee trank, Hauptsache stark.

Alice Grünfelder
Alice Grünfelder, fotografiert von Mine Dal

Alice Grünfelder

Buchhändlerlehre und Studium der Sinologie und Germanistik in Berlin und China, Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Schreibt am liebsten dokufiktionale Texte. Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen. Ihr Roman Wüstengängerin erschien 2018, ihr Essay Wird unser MUT langen 2019. Nominiert für den Irseer Pegasus Preis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019. Weitere Informationen: www.literaturfelder.com

Einmal im Jahr wird in meinem Lieblingsnetzwerk gewichtelt und frau schreibt für einen anderen Blog. Der Texttreff bringt Texterinnen, Journalistinnen, Autorinnen, Lektorinnen, Übersetzerinnen, Rechercheurinnen – und andere wortstarke Frauen zusammen und es ist alle Jahr wieder eine Freude, neue Blogs durch das Wichteln kennenzulernen.

Inzwischen in einem eigenen kleinen Blogwichtelbeitrag zusammen gefasst.

Blogwichteln

Anne

2 Antworten auf „Tee-Affäre – von Alice Grünfelder“

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